Seite auswählen

Icke über »Der Kalte Fritte«

Herr Clausen, Sie schreiben sonst gemeinsam mit Ihrem Autorenkollegen Andreas Pflüger die Tatort-Drehbücher. „Der kalte Fritte“ stammt nun alleine aus Ihrer Feder. Wie hat sich das auf den Schreibprozess und die Arbeitsweise ausgewirkt?

Es war sehr einsam und ich hatte tatsächlich irgendwann Angst, verrückt zu werden. Zum Glück wehte der Sturm einen Volleyball in den Hof. Ich malte ihm ein Gesicht auf, nannte ihn Andreas und stellte ihn neben meinen Monitor. Von da an war’s eigentlich wie früher.

Was hat Sie für die Handlung von „Der kalte Fritte“ inspiriert? Haben die realen Schauplätze Weimars, wie der Frauenplan, Tiefurt oder Ehringsdorf Sie maßgeblich bei der Entwicklung der Storyline beeinflusst?

Natürlich war ich auch für diesen Film wieder im Lutherland unterwegs. Da ich aber ohne einen gebürtigen Thüringer an meiner Seite reisen musste, war ich nicht ganz so mutig und traute mich nicht weit über die Stadtgrenzen Weimars hinaus. Für den Tatort suchen wir immer Orte, an denen es kracht, pufft und zischt. Da lag der Travertinsteinbruch in Ehringsdorf nahe.

In dieser Folge des Tatorts spielt das Thema Konkurrenz eine zentrale Rolle. Ist das ein Thema, das Sie schon immer beschäftigt und das Sie gerne fiktional aufarbeiten wollten? Was hat Sie daran gereizt?

Mir ist in meinem Leben bislang alles in den Schoß gefallen, es gab nie eine Situation, in der ich mich bewusst gegen irgendwen hätte durchsetzen müssen. Ich bin mit einer vollkommen ambitionslosen Schwester gesegnet und Mitglied des FC Bayern München. Vielleicht hat es mich gerade deswegen gereizt, darüber zu schreiben. Das ist ein wenig wie mit dem Morden: Darin bin ich auch absolut unerfahren.

Hand aufs Herz: Haben Sie mit Andreas Pflüger nicht mal die Grundidee zu „Der kalte Fritte“ diskutiert?

Wir haben in fünf Weimarer Tatorten ein eigenes Universum geschaffen und sind über die Jahre sehr enge Freunde geworden. Selbstverständlich habe ich Andreas angeskypt, wenn der dämliche Volleyball mich nur mit seinen toten Augen angestarrt hat und keinen ordentlichen Input liefern konnte. Dafür sind Freunde doch da.

Clausen & Pflüger über »Der Wüste Gobi«

Gotthilf „Gobi“ Bigamiluschvatokovtschvili – ein Dessous-strickender Frauenmörder. Wie kamen Sie auf diese Geschichte und auf diesen Namen?

Clausen: Bei Andreas und mir wurde zeitgleich von dem bulgarischen Schamanen Teimurazi Dschughaschpaliaschwili eine schwere neurotische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, die uns mehr oder weniger zwang, die Arbeit in eine geschlossene landestypische Anstalt zu verlegen. Dort lernten wir sehr interessante Menschen kennen, deren Schicksale uns tief berührten.

Pflüger: Da beschlossen wir spontan und vollgestopft mit abgelaufenen Psychopharmaka, im nächsten Weimarer Tatort etwas über den Menschen in unserer Zeit zu erzählen. Zusätzlich haben wir Walter Benjamin gelesen. Ein Fehler.

Was waren die Herausforderungen beim Schreiben des Drehbuchs? Woher stammen beispielsweise Ihre Psychologiekenntnisse?

Pflüger: Wir mussten nachts schreiben, weil wir tagsüber in diversen Therapiegruppen feststeckten.

Clausen: Große Teile des Buches haben wir in Toilettenpapier gestanzt.

Pflüger: Von Psychologie verstehen wir nicht das Geringste. Wir er nden so vor uns hin.

Clausen: Ganz wie Freud.

Seit 2013 schreiben Sie gemeinsam die Bücher des Tatorts aus Weimar. Was bedeuten Ihnen Kira Dorn und Lessing mittlerweile?

Pflüger: Sie sind die Kinder, die ich nie hatte.

Clausen: Eine Lebensaufgabe.

Drehstart »Der kalte Fritte«

Drei Exposé- und vier Drehbuchfassungen hat es gebraucht, um »Der kalte Fritte« drehfertig zu bekommen, meinen ersten Tatort ohne Andreas Pflüger als Koautor. Damit liege ich sogar im Weimar-Durchschnitt. Die ganze Reise begann mit einer Idee, die nach und nach aus dem Drehbuch verschwand, einer nackten Frau, die unter dem Goehte-Schiller-Denkmal aufgefunden wird. Ihr Körper ist blutverschmiert, Dr. Seelenbinder stellt eine dissoziative Fugue fest, begleitet von einer Amnesie. Doch bald wurde mir klar, dass eine Frau, die sich an nichts erinnert, den Krimi bremst, da die Frage, was sie weiß, vom Autor zu jedem beliebigen Zeitpunkt beantwortet werden kann. Fand ich nicht elegant, obwohl es bedeutete, sich von dem schönen Titel »Die nackte X« zu verabschieden.

Doch durch die Figuren, die ich angelegt hatte, und die Idee, »Goethes Geomuseum« nach Weimar zu bringen, war der Weg zum kalten Fritte nicht weit. Vor allem nicht, da mein Freund Andreas immer nur einen Skype-Anruf entfernt war und mir bei allen kleinen und großen Problemen mit Rat und Tat zur Seite stand.

Inhalt:

Bei einem Einbruch in seine Weimarer Villa wird der Milliardär Alonzo Sassen ermordet. Seine junge Frau Lollo erschießt den Täter – offenbar in Notwehr.

Die Kriminalhauptkommissare Kira Dorn und Lessing observieren Lollo, die danach im Bordell „Chez Chériechen“ Arbeit sucht. Dieses wird  von Fritjof „Fritte“ Schröder geführt. Dessen Bruder Martin betreibt mit seiner Frau Cleo in der Nähe Weimars einen Steinbruch, der am Rande der Insolvenz steht. Als besondere geologische Formation ist er einer der zwei potentiellen Standorte für das geplante „Goethe-Geomuseum“. Diese Nutzung wäre die finanzielle Rettung der Schröders. Doch Sassen hatte angekündigt, der Stadt ein Grundstück in Weimars bester Lage, am Frauenplan, zu schenken, um das Museum dort errichten zu können. War das sein Todesurteil?

Ihre Ermittlungen führen Kira Dorn und Lessing in die Bauhaus-Universität. Der Architektur-Professor Ilja Bock ist Vorsitzender der Jury, die über den Standort des Museum-Neubaus entscheidet. Er hat eine Affäre mit seiner Jungendliebe Cleo, die damit ins Fadenkreuz der Kommissare gerät. Als sich herausstellt, dass „Fritte“ Schröder bei dem Grundstücksroulette mit am Tisch sitzt und die Hassbeziehung zu seinem Bruder Martin offenbar wird, steuert der Fall auf ein explosives Finale zu.

Regie führt Titus Selge. Hinter der Kamera steht Stephan Wagner. Die Produzenten sind Nanni Erben, Quirin Berg und Max Wiedemann, Producerin ist Sirkka Kluge. Der Redakteur des MDR ist Sven Döbler.

Der Tatort ist eine Produktion der Wiedemann & Berg Television im Auftrag des MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNKS.

Andreas Pflüger und icke über den Tatort »Der scheidende Schupo«

Der Tatort aus Weimar ist bekannt für seine skurrilen und liebenswürdigen Geschichten. Was ist die Quelle Ihrer nicht versiegenden Inspiration?

Clausen: Wasser aus der Ilm.

Pflüger: Das und unsere häufigen Expeditionen ins dunkle Herz Thüringens. Immer wieder stoßen wir auf Stämme – sie nennen es dort Dörfer – die seit Jahrhunderten keinen Kontakt zur Außenwelt hatten.

Clausen: Man lädt uns dann auf ein Gläschen grobe Wurst ein und die Ältesten erzählen uns ihre Legenden.

Pflüger: Und wenn das Drehbuch fertig ist, sagen wir immer: Genau so hat man es uns berichtet.

Clausen: Wir legen großen Wert auf den dokumentarischen Charakter unserer Bücher. Die schönste Zuschauerpost wird uns von den Brieftauben aus Thüringen gebracht, die übrigens auch hervorragend schmecken.

Pflüger: Mit Zwiebelkompott vom Rost.

Ludwig Maria Pohl – vom pflichtbewussten Polizisten zum Geiselnehmer. Hätten Sie das anfangs gedacht?

Ludwig Maria Pohl (Arndt Schwering-Sohnrey)

Pflüger: Ja. Es war sofort klar, dass in Lupos Nischel der Wahnsinn nistet. Er ist eine Mischung aus einem Wahnsinnigen und einem vollkommen Irren. Mit einer Spur Geisteskrankheit.

Clausen: Ganz ehrlich: Als wir den kakaoschlürfenden Kollegen der Hauptkommissare das erste Mal haben auftreten lassen, haben wir uns intensiv gefragt, ob so jemand überhaupt diensttauglich ist. Pflüger war sehr skeptisch. Dann sind wir in Meuselbach-Schwarzmühle in eine Verkehrskontrolle geraten. Das war’s dann mit der Skepsis.

Warum muss man den Tatort „Der scheidende Schupo“ unbedingt anschauen?

Pflüger: Der Zuschauer sollte eine Leidenschaft für Fliegerbomben, Armbrüste, Biotoiletten und Mausoleen haben. Dann könnte das Werk gefallen.

Clausen: Oder man begeistert sich für Porzellan. Das wurde schließlich in Thüringen erfunden.

Pflüger: Es geht um Leidenschaft, verzweifelte Liebe, verfeindete Erben, lebenslange Traumata und die Konsequenzen eines geschwänzten Elternabends im Kindergarten.

Clausen: Und um Mord!

Pflüger: An einem Menschen!

Andreas Pflüger und icke über den Tatort »Der Irre Iwan«

Verspricht „Der Irre Iwan“ auch ein irres Drehbuch?

Pflüger: Bei uns ist der Titel immer Programm.
Clausen: Und es steckt irre viel Arbeit und Liebe drin.
Pflüger: Unsere Figuren haben uns selbst überrascht. Die haben so viel Vollgas gegeben, dass wir mit dem Schreiben kaum nachkamen.

Die Initialzündung zum neuen Drehbuch kam wann?

Pflüger: Als wir über Caspar Bogdanski nachgedacht haben, den Kutscher aus „Die Fette Hoppe“. Ich liebe den Schauspieler Dominique Horwitz, Murmel auch. Als Allererstes wussten wir, dass er zu Beginn des Filmes aus dem Knast kommt. Und dann haben wir uns gefragt: Welches Chaos könnte sich in Weimar am Tag seiner Entlassung Bahn brechen? Man glaubt ja nicht, wozu der menschliche Geist fähig ist.
Clausen: Allerdings hatten wir zu dem Zeitpunkt schon einige Wochen an einer anderen Idee gearbeitet, die sich jedoch nicht knacken ließ. Dann haben wir durch Zufall vom Rudolstädter „Vogelschießen“ erfahren, dem größten Rummel Thüringens, ganz in der Nähe von Weimar. Krimimäßig eine Goldgrube.
Pflüger: Da flogen uns die Ideen nur so um die Ohren.
Clausen: Es wird krachen, puffen und zischen.

Gab es eine besondere Herausforderung beim Schreiben des Drehbuchs?

Clausen: Natürlich, denn nach dem tollen Feedback auf „Die Fette Hoppe“ ist die Erwartungshaltung entsprechend hoch.
Pflüger: Wir selbst legen die Latte immer höher.
Clausen: Stichwort „Weimarer Wahnsinn“.
Pflüger: Wir wollten einen Film schreiben, der zu den Anfängen zurückkehrt, als auf den Rummelplätzen die Nickelodeons standen und die Bilder und Geschichten nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte geschmeckt haben, scharf und süß. Und dann Achterbahn fahren.
Clausen: Eine Geisterbahnfahrt der Gefühle, ein Höllenritt. Genau wie die Entwicklung.

Andreas Pflüger, Sven Döbler und icke

Andreas Pflüger, Sven Döbler und icke

Was hat Sie beim Schreiben besonders amüsiert?

Pflüger: Jede neue Wendung, jeder gelungene Satz, einmal sogar ein Komma.
Clausen: Wir lachen eigentlich ständig, das kostet unheimlich viel Zeit.
Pflüger: So eine Freiheit und Lust spürt man natürlich nur, wenn man weiß, dass man Leute hinter sich hat, die einem großes Vertrauen schenken. Die Redaktion des MDR, Jana Brandt und Sven Döbler, aber auch Nanni Erben von Wiedemann & Berg sind ein Geschenk.
Clausen: Und es ist schön, dass man von Fassung zu Fassung alle Figuren noch besser versteht, besonders den Ursprung ihrer Komik. Wir müssen auch noch mal ein großes Lob an unseren Regisseur Richard Huber aussprechen, der noch kurz vor Drehbeginn ein paar Pointen hinterfragt und so wirklich alles aus uns und den Charakteren herausgeholt hat.

Sind die Rollen des Krimi- und Satireschreibers zwischen Ihnen Beiden getrennt?

Clausen: Absolut nicht. Wobei jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Andreas kann zum Beispiel schon, während wir einfach nur alle Ideen und Gedanken zum Film unsortiert und ungefiltert hin- und herwerfen, eine Struktur in das Chaos bringen. Das würde mich alleine mindestens eine Woche kosten.
Pflüger: Ich würde unsere Arbeit nicht als Satire bezeichnen. Wir nehmen unsere Figuren ernst, machen uns nicht über sie lustig, die Komik entsteht immer aus dem Charakter heraus. Wir haben beide den gleichen Sinn für Humor und eine Leidenschaft, menschliche Abgründe auszuloten. Oft fängt der eine einen Satz an und der andere beendet ihn. Klar habe ich mehr „Tatort“-Erfahrung, aber ich habe ja auch Komödien geschrieben. Und Murmel kann auch Krimi. Er ist blitzschnell im Kopf und ganz einfach der witzigste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben kennengelernt habe.
Clausen: Letzten Endes könnte keiner von uns beiden einen „Tatort Weimar“ alleine schreiben.
Pflüger: Und würde es auch nicht wollen.