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Ein Münchner schreibt mit einem Berliner einen Tatort für Weimar, wo ein Hamburger ermittelt. Wie kamen diese Koordinaten zusammen?

Der MDR hat im vergangenen Jahr einen neuen Tatort für Thüringen öffentlich ausgeschrieben. Und da die Reihe für mich ein Stück deutsche Kultur darstellt, lag es nahe, in meinem Konzept die Wiege der deutschen Kultur zu bespielen. Die Zusammenarbeit mit Andreas Pflüger kam dann zustande, da ich von vornherein einen tatorterfahrenen Kollegen an meiner Seite wollte. Aus Demut vor dem Genre.

Andreas Pflüger ist (mit 20 Folgen) ein erfahrener Tatort-Autor, für Sie war es Premiere. Wie kann man sich das Schreiben zu zweit vorstellen, und wie haben Sie sich auf Weimar eingestimmt?

Wir wurden von unserer Produzentin Nanni Erben (Wiedemann & Berg) in ein Zimmer gesperrt und saßen uns jeden Tag an einem Schreibtisch gegenüber. Vor uns je ein Monitor, zwischen uns eine Tastatur, die mal der eine, mal der andere bedient hat. Sprich: wir haben jeden Satz, jede Pointe, jede kriminalistische Idee gemeinsam erdacht und aufgeschrieben. Andreas kannte als gebürtiger Thüringer Weimar schon gut, ich habe es mir auf Google Earth angesehen und dazu Thüringer Zeitungen gelesen. Nach einigen Tagen habe ich die Stadt dann verstanden. Als Krimineller klaut man dort Blechkuchen, wirft Kinderräder auf dem Markt um und schmiert Hackfleisch an Haustüren.

Sie haben sich vorrangig als Comedy-Autor einen Namen gemacht, und so ist auch „Die fette Hoppe“ geprägt von Situationskomik und Wortwitz, zum Beispiel „Weimar schillert“, „Das ist Messing, Lessing“, „Selbstmarder“. Wieviel Humor braucht ein Tatort, und wie stark beeinflusste Sie beim Schreiben der Erfolg der von vielen als witzig eingestuften Münsteraner Kollegen?

Ein Tatort braucht zunächst mal eine gute Krimihandlung und zwei Kommissare, aus deren Perspektive man die Ermittlungen verfolgt. Der Humor steckt in ihren Charakteren – und da unterscheiden wir uns von den Kollegen aus Münster deutlich. Unser Humor ist zwischenmenschlich und natürlich, bei den Westfalen basiert er vorrangig darauf, dass die Ermittler einander nicht ausstehen können und die Figur Boerne schon fast grotesk überzogen ist. Dass bei uns die Arbeit der Kommissare zusätzlich durch skurrile Wendungen und Kriminelle ohne Masterplan erschwert wird, verleiht dem Tatort Weimar eine weitere eigene Note.

Eines Ihrer Lieblingsthemen ist Essen. „Die fette Hoppe“ wird im Film als Weimarer Spezialität verkauft. Warum haben Sie sich für das Wurst-Thema entschieden?

Auf dem Markt in Weimar stehen vier Bratwurstbuden, der Rost brennt an jeder zweiten Ecke. Die Thüringer sind zurecht stolz auf ihre Wurst – warum sollten wir also etwas anderes in den Mittelpunkt stellen? Dazu ist eine Fleischerei ein toller Drehort. Allein das Fleischerbeil, dem wir den Namen »Dicke Berta« gegeben haben, schreit förmlich nach Krimi. Natürlich hat Weimar noch mehr zu bieten. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die Wohn- und letzten Ruhestätten von Friedrich Goethe und Johann Wolfgang von Schiller, den Zwiebelmarkt, einen Travertinsteinbruch und sogar ein eigenes Chapter der Bandidos. Aber jetzt geht’s erst mal um die Wurst.

Parallel zu Ihrem Tatort in der ARD macht sich im ZDF das „Traumschiff“ auf den Weg nach Malaysia. Haben Sie Angst, der neue Kapitän Sascha Hehn könnte Ihnen die Show stehlen?

Nein. Es wäre auch unsinnig, sich über die parallel laufenden Programme den Kopf zu zerbrechen. Oder machen Sie sich Sorgen, Ihre Leser an »Das Goldene Blatt« zu verlieren?

Der Weimarer Tatort war ursprünglich als einmalige Sendung geplant. Noch vor der Ausstrahlung wurde bekannt, dass die Kommissare Kira Dorn und Lessing 2014 in die zweite Runde gehen. Sind Sie erneut für das Buch verpflichtet? Welche Details können Sie schon verraten?

Ja, Andreas Pflüger und ich sitzen schon an einem neuen Buch. Und wir stellen fest, dass es eine ziemliche Herausforderung ist, den Weimarer Wahnsinn, den wir im ersten Film losgetreten haben, zu toppen. Aber wir haben da so eine Idee, die in die richtige Richtung geht. Ich verrate nur so viel: Es gibt einen Toten und der Mörder war’s!

Ein Traum von Ihnen wäre, einen Münchner Tatort zu schreiben. Hat Sie die Tatort-Erfahrung Ihrem Traum ein Stück näher gebracht? Und wie würde ein München-Tatort aus der Feder von Murmel Clausen aussehen?

Das ist richtig. Und ich habe im letzten Jahr viel über den Tatort gelernt. Von Andreas, aber auch von unserem Redakteur Sven Döbler. Das altehrwürdige Team Batić/Leitmayr ist nach inzwischen fünfundsechzig Folgen ja auch ziemlich auserzählt, in ein paar Jahren erreichen die Kommissare das Rentenalter, bis dahin müsste ich mich eh gedulden. Sollte ich dann mein Konzept einreichen dürfen, hätten die Kommissare zwar auch Humor – der Krimi und das Drama müssen in München aber die tragenden Elemente bleiben. Skurril und witzig ist für mich in einem Großstadttatort nur schwer vorstellbar. Der Weißwurstkönig wird hier sicher nicht entführt – der wird vor dem Mittagsläuten ins kochende Wasser geschmissen, von der Herdplatte genommen und ist nach fünf Minuten gar. Kleiner Spaß. Der braucht natürlich zwölf Minuten.