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Wenn man um 4:40 Uhr in München losfährt, kann man entspannt um 13:00 Uhr in Monterosso al Mare sitzen und seinen ersten Negroni bestellen. Und das nicht nur als kinderloses Powercouple aus irgendeiner nutzlosen Beraterfirma, sondern auch mit meckerndem Nachwuchs im Gepäck.

Der fünfte Negroni war derjenige, den ich heute bereue. Er hat über Nacht mein Gehirn aufquellen lassen. Jetzt stemmt es sich mit all seiner Kraft gegen die Schädeldecke und droht, sie aufplatzen zu lassen wie eine vergärte Melone. Schuld daran ist natürlich Charlotte. Sie kennt meine Grenzen besser als ich, weiß, wann ich Schluss machen sollte, um am nächsten Tag noch funktionstüchtig zu sein. Gestern war ihr allerdings das sinnlose Herumrennen auf dem Spielplatz wichtiger als das Wohlbefinden ihres Vaters. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit ihr Weihnachtsbudget zerschießt (seit mich eine Mutti im Waldkindergarten angejesperjuult hat, dass man Kindern nicht droht, überrasche ich mit massiv enttäuschenden Festtagen). Da ich mir für diesen Urlaub idiotischerweise vorgenommen habe, auf Schmerzmittel zu verzichten, Stichwort Flush-Reaktion, und es erst in zwei Stunden Frühstück gibt (negronische Bettflucht), setze ich mich unter den Olivenbaum auf unsere Terrasse und blicke über die Dächer von Monterosso aufs Meer. Mein Mund ist trocken, der Magen flau, das Sichtfeld verschwommen. In den vergangenen sieben Tagen habe ich um die zwanzig Negroni getrunken, zehn Spritz und ein paar Gläser Wein. Das klingt für die meisten nach einem entspannten Frühschoppen am Ballermann. In der Kategorie Familienurlaub ist das allerdings ein solides Ergebnis.

Grundsätzlich trinken meine Frau Caren und ich gerne. Trotz Kind. Allerdings schießen wir uns nie so ab, dass wir uns vor Charlie schämen müssten. Sie bekommt nur mit, dass wir albern werden. Und spendabel. Was sie schonungslos ausnutzt. Ihr ist dann plötzlich kalt, und da wärmende Kleidung 300 Stufen entfernt im Hotelzimmer liegt, bekommt sie eben die ersehnte kleine Handtasche für 40 Euro aus dem kleinen Laden um die Ecke. Dafür können wir noch eine Runde bestellen. Sie fetzt zum Spielplatz und … Moment. Handtasche? Jetzt merk ich’s auch.

Wichtig ist, das Kind früh an alkoholisierte Eltern zu gewöhnen

Ein vollwertiges Abendessen

Das erste Mal waren wir vor sechs Jahren im Hotel Villa Steno in Monterosso al Mare. Charlie war eineinhalb, unser Alkoholkonsum sehr moderat. Bis wir an der Enoteca Da Eliseo vorbeikamen, einer kleinen Weinbar im Zentrum des alten Teils der Stadt. Man sitzt unter weißen Schirmen auf wackeligen Stühlen zwischen Weinfässern und bekommt zu jedem Getränk Erdnüsse, Kapern und Oliven gereicht. Wer genug trinkt, wird also auch satt. Mir war mehr nach Aperitif denn nach Wein, eine verheerende Entscheidung. Nicht, dass man Schlechtes über die Weine der Region Cinque Terre sagen könnte, Caren zwitschert sich fast ausschließlich durch die Palette. Aber der Negroni, den Eliseo hier serviert, ist ganz einfach der beste der Welt.

Hysterischer Aufschrei der Mixology-Nerds, die sich ganz nervös fragen, welcher Wermut oder Gin denn dort verwendet, wie lange der Drink mit Eiswürfeln gerührt und wann genau die Orangenzeste dazugegeben wird. Euch ein beherztes: Fuck off. Scheißegal. Entscheidend ist allein, wo man trinkt. Der Negroni gehört nach Italien, woanders schmeckt er immer und ausschließlich nach Reizdarm-Medizin. Das ist keine Meinung, sondern Fakt. Ich schweife ab.

Nach unseren ersten Drinks in der Enoteca war Caren und mir klar, dass wir uns intensiv mit der Frage auseinandersetzen mussten, wie man Alkoholkonsum und Familienurlaub unter einen Sonnenhut bringt. Ein Promillchen später hatten wir die einzig wichtige Regel destilliert: Man muss genau da aufhören, wo der Rausch einzusetzen droht. Nur so ist man jederzeit bereit, das Kind unendlich viele Stufen hochzutragen, ohne Gefahr zu laufen, es fallen zu lassen oder zu stolpern. Außerdem ist so gewährleistet, dass man noch nuschelfrei mit Eltern anderer Kinder auf dem Spielplatz kommunizieren kann und auf Ausnahmesituationen (Mücke im Zimmer, Kind leckt an Steckdose, Trump dropped the bomb) nicht wie ein Komapatient reagiert.

Je älter das Kind, desto beständiger der Pegel

Wer also zwischen Hui und Pfui vom Gas gehen kann, wird erfolgreich angetrunken sieben stressfreie Tage in der Gegend verbringen, die Lord Byron »das Paradies auf Erden« nannte. (Da man in Printmagazinen nicht googeln kann: Dichter der englischen Spätromantik, Brieffreund Goethes und Namensgeber einer etwa 20 km entfernten Grotte.) Damals zogen zwar keine Heerscharen amerikanischer Tagestouristen durch die Orte, doch selbst die lassen sich erstaunlich gut ertragen, wenn man stets zum richtigen Getränkt greift. Spätestens um acht Uhr legt sich der Trubel in den Gassen. Die Lokale sind dann gut besetzt, überall riecht es nach Fisch, Pesto und Gegrilltem. Irgendwo kämpfen zwei Katzen.

In diesem Jahr liegt Pfingsten im Mai und ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet sorgt anfangs für laue Temperaturen. Der Vorteil ist, dass die Getränke nicht so schnell warm werden. Der Nachteil, dass man seinen Kater nicht entspannt am Strand auskurieren kann. Stattdessen steht am ersten Tag Wandern auf dem Programm. Von Monterosso geht es entlang der Küste in den Nachbarort Vernazza. Für die, laut Apple Health, 5,5 Kilometer und 61 Stockwerke braucht man mit Kind rund zweieinhalb Stunden und drei Bier oder zwei Weinschorlen. Das Kind motiviert man zunächst mit unlauteren Mitteln („Ich glaube, es gibt in Vernazza ein Spielzeuggeschäft.“), später mit der Ausweglosigkeit der Situation („Umdrehen würde länger dauern.“). Das eigentliche Ziel ist jedoch der Lemon Spritz in der Ananasso Bar direkt am kleinen Hafen. Kleiner Scherz. Lemon Spritz ist das einzige Getränk, vor dem ich ausdrücklich warne. Hauptbestandteil ist Limoncello. Das ist Italienisch für „in Alkohol aufgelöste Urinaldrops“. Nur wer keine Arme mehr hat, aber unbedingt Bulimiker werden will, sollte dieses Gesöff bestellen. Wir kippen uns selbstverständlich den klassischen Aperol Spritz hinter die Binde. Den ersten gegen den Durst, den zweiten aus Schierschandudel. Für die Fahrt zurück nach Monterosso ziehen wir dann die Bahn dem Boot vor, da die hoffnungslos überfüllten Kutter dazu neigen, auf Wellengang mit starkem Schwanken zu reagieren. Das kann in Ausnahmefällen hässlich enden und wird von den italienischen Leichtmatrosen nicht gern gesehen („Madonna mia! Va fanculo!“).

How to Monterosso like a king

Nr. 3

Bei dem sonst fast ausschließlich herrschenden Traumwetter leisten wir uns Liegestühle und Schirm am Bagno Eden im neueren Ortsteil Fegina. In der dazugehörigen Bar bekommt man die geeigneten Getränke, um den Tag über den Alkoholhaushalt in Ordnung zu halten. Gegen Mittag geht es zu Il Bocconcino, einer fantastischen Fischfrittiererei direkt am Bahnhof. Das Öl hält Magen und Darm geschmeidig, das Eiweiß ist sicher auch irgendwie nützlich. Sollte jedoch akuter Weindurst einsetzen, nehmen wir einfach im Schatten der Olivenbäume im Ristorante Lapo‘s Platz. Die Trofie al pesto Genovese (Wurmnudeln in Basilikumbatz) sind ebenso ölig wie die Calamari aus der Fritöse, der Effekt also derselbe. Den Rest des Tages halten wir uns mit regelmäßigen Badegängen wach – das Kind ist so oder so fast ausschließlich im Wasser. Der Weg zurück in die Villa Steno führt unweigerlich an der Enoteca vorbei, wo Eliseos Frau Maria schon winkt und Charlie mit Küsschen (24.000 baci) begrüßt. Wer kann da schon weiterlaufen, ohne einen Negroni zu bestellen? Zumal die Tochter hungrig ist, und Kapern als Aperitif der Alkoholfreien gelten. Ratsam ist hier nur, Amerikaner („I love Cinque Terre!“) mit einem entschiedenen „No English.“ abzuschalten, da sie alle dieselbe Geschichte erzählen: Sie waren bereits in Florenz („Amazing!“) oder Pisa („Loved it!“), fahren morgen nach Siena („Supposed to be gorgeous.“) und fliegen Montag zurück in die Staaten („So sad!“). Who gives a fuck?

So vergehen die Tage im Rausch. Selbstverständlich kann es zu Situationen kommen, die man nüchtern nicht erlebt hätte. Wie vorgestern, als wir erst im Hotelzimmer bemerkten, dass wir Charlie auf dem Spielplatz vergessen haben, und ich tatsächlich für eine Sekunde dachte, dass sie den Weg zum Hotel schon alleine finden würde. Kann vorkommen. Ego me absolvo. Alles in allem sind die Tage hier unfassbar erholsam und ein Egoboost für die Leber. Heute genießen wir das letzte Mal das sensationelle Frühstück, das Carla und Matteo Pasini jeden Morgen auffahren. Später geht es an den Strand, wo wir unseren graduellen Alkoholentzug einläuten. Der Pegel sollte auf keinen Fall abrupt runtergefahren werden. Ein Glas Wein zum Mittagessen, abends der letzte Negroni. Wenn der Körper hält, was ich mir von ihm verspreche, gurke ich morgen um fünf absolut nüchtern die Serpentinen zur Autostrada hoch. Ich werde mit Wehmut an den Wermut denken, das Cin cin zum Gin vermissen und bis zum Brenner ein Wort suchen, das phonetisch Campari schmeichelt. Jetzt werfe ich mir erstmal eine Handvoll Paracetamol zum Wohl ein. Scheiß auf die guten Vorsätze. Im Sommer geht es schließlich zum alkoholfreien Glamping nach Elba.

(erschienen in jwd No 4, Juli 2018)