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Tatort »Der Irre Iwan«

Iwan und Nicole Windisch (Jörg Witte, Therese Hämer)

Iwan und Nicole Windisch (Jörg Witte, Therese Hämer)

Ein »Irrer Iwan« ist eigentlich ein U-Boot-Manöver, bekannt geworden vor allem durch den Film »Jagd auf Roter Oktober«. Im aktuellen Tatort Weimar handelt es sich beim „Irren Iwan“ allerdings um den Stadtkämmerer Iwan Windisch, dessen Sekretärin bei einem Überfall auf die Kämmerei erschossen wird. Kira Dorn und Lessing finden schnell heraus, dass die Tote ein Verhältnis mit Iwan hatte und fragen sich, ob er den Mord vielleicht in Auftrag gegeben hat, damit seine Frau Nicole nichts von der Liebschaft erfährt. Doch das ist nur der Beginn des Films, dessen Dramaturgie an eine Achterbahnfahrt angelehnt ist. Erst wird die Fallhöhe geschaffen, dann geht es richtig los, alle drehen und wenden sich, es wird immer rasanter und endet in einem großen Finale.

Andreas Pflüger und ich haben lange an dem Drehbuch gearbeitet. Sieben Fassungen in fünf Monaten, nicht dazugerechnet die Phase, in der wir nach der zündenden Idee gesucht haben. Am 11. Dezember 2014 wird der Film dann endlich im DNT uraufgeführt. Dabei genießen wir den Heimspielvorteil in Weimar. Schon für »Die Fette Hoppe« hat der MDR dort Premiere gefeiert – ein Abend, den ich niemals vergessen werde. Achthundert Zuschauer, die außer sich waren. Ich habe nur einmal ein begeisterteres Publikum erlebt, 2001 bei der Premiere von »Der Schuh des Manitu«.

Trabbel auf dem Rummel (Pit Bukowski, Christian Ulmen, Nora Tschirner, Sophie Rois)

Das könnte allerdings am 11. Dezember Geschichte sein, denn »Der Irre Iwan« ist unserem Regisseur Richard Huber extrem gut gelungen. Jörg Witte ist eine Sensation, ebenso Sophie Rois, Dominique Horwitz und Pit Bukowski. Dazu überzeugen Christian Ulmen und Nora Tschirner als Kommissare.

Am 1. Januar 2015 wird »Der Irre Iwan« dann um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Ich werde in einem kleinen Haus auf der Gondwana Game Reserve sitzen und die Reaktionen im Netz beobachten – falls nicht gerade ein Elefant oder ein Rudel Löwen auftaucht und mich ablenkt. Da mir der Film noch einen Tick besser als »Die Fette Hoppe«gefällt, kann ich kaum abwarten, wie er angenommen wird. Wir treten erneut gegen »Das Traumschiff« an, auf ProSieben wird »I, Robot« gezeigt, SAT1 startet das Neue Jahr mit »Blind Side – Die große Chance«, insgesamt also ein Gegenprogramm, das uns sicher die ein oder andere Million Zuschauer kosten wird – was uns aber nur um Stolz verletzen könnte, denn der dritte Tatort mit Kira Dorn und Lessing ist bereits beauftragt.

Fotos: MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer

Ich zu »Die Fette Hoppe«

Ein Münchner schreibt mit einem Berliner einen Tatort für Weimar, wo ein Hamburger ermittelt. Wie kamen diese Koordinaten zusammen?

Der MDR hat im vergangenen Jahr einen neuen Tatort für Thüringen öffentlich ausgeschrieben. Und da die Reihe für mich ein Stück deutsche Kultur darstellt, lag es nahe, in meinem Konzept die Wiege der deutschen Kultur zu bespielen. Die Zusammenarbeit mit Andreas Pflüger kam dann zustande, da ich von vornherein einen tatorterfahrenen Kollegen an meiner Seite wollte. Aus Demut vor dem Genre.

Andreas Pflüger ist (mit 20 Folgen) ein erfahrener Tatort-Autor, für Sie war es Premiere. Wie kann man sich das Schreiben zu zweit vorstellen, und wie haben Sie sich auf Weimar eingestimmt?

Wir wurden von unserer Produzentin Nanni Erben (Wiedemann & Berg) in ein Zimmer gesperrt und saßen uns jeden Tag an einem Schreibtisch gegenüber. Vor uns je ein Monitor, zwischen uns eine Tastatur, die mal der eine, mal der andere bedient hat. Sprich: wir haben jeden Satz, jede Pointe, jede kriminalistische Idee gemeinsam erdacht und aufgeschrieben. Andreas kannte als gebürtiger Thüringer Weimar schon gut, ich habe es mir auf Google Earth angesehen und dazu Thüringer Zeitungen gelesen. Nach einigen Tagen habe ich die Stadt dann verstanden. Als Krimineller klaut man dort Blechkuchen, wirft Kinderräder auf dem Markt um und schmiert Hackfleisch an Haustüren.

Sie haben sich vorrangig als Comedy-Autor einen Namen gemacht, und so ist auch „Die fette Hoppe“ geprägt von Situationskomik und Wortwitz, zum Beispiel „Weimar schillert“, „Das ist Messing, Lessing“, „Selbstmarder“. Wieviel Humor braucht ein Tatort, und wie stark beeinflusste Sie beim Schreiben der Erfolg der von vielen als witzig eingestuften Münsteraner Kollegen?

Ein Tatort braucht zunächst mal eine gute Krimihandlung und zwei Kommissare, aus deren Perspektive man die Ermittlungen verfolgt. Der Humor steckt in ihren Charakteren – und da unterscheiden wir uns von den Kollegen aus Münster deutlich. Unser Humor ist zwischenmenschlich und natürlich, bei den Westfalen basiert er vorrangig darauf, dass die Ermittler einander nicht ausstehen können und die Figur Boerne schon fast grotesk überzogen ist. Dass bei uns die Arbeit der Kommissare zusätzlich durch skurrile Wendungen und Kriminelle ohne Masterplan erschwert wird, verleiht dem Tatort Weimar eine weitere eigene Note.

Eines Ihrer Lieblingsthemen ist Essen. „Die fette Hoppe“ wird im Film als Weimarer Spezialität verkauft. Warum haben Sie sich für das Wurst-Thema entschieden?

Auf dem Markt in Weimar stehen vier Bratwurstbuden, der Rost brennt an jeder zweiten Ecke. Die Thüringer sind zurecht stolz auf ihre Wurst – warum sollten wir also etwas anderes in den Mittelpunkt stellen? Dazu ist eine Fleischerei ein toller Drehort. Allein das Fleischerbeil, dem wir den Namen »Dicke Berta« gegeben haben, schreit förmlich nach Krimi. Natürlich hat Weimar noch mehr zu bieten. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die Wohn- und letzten Ruhestätten von Friedrich Goethe und Johann Wolfgang von Schiller, den Zwiebelmarkt, einen Travertinsteinbruch und sogar ein eigenes Chapter der Bandidos. Aber jetzt geht’s erst mal um die Wurst.

Parallel zu Ihrem Tatort in der ARD macht sich im ZDF das „Traumschiff“ auf den Weg nach Malaysia. Haben Sie Angst, der neue Kapitän Sascha Hehn könnte Ihnen die Show stehlen?

Nein. Es wäre auch unsinnig, sich über die parallel laufenden Programme den Kopf zu zerbrechen. Oder machen Sie sich Sorgen, Ihre Leser an »Das Goldene Blatt« zu verlieren?

Der Weimarer Tatort war ursprünglich als einmalige Sendung geplant. Noch vor der Ausstrahlung wurde bekannt, dass die Kommissare Kira Dorn und Lessing 2014 in die zweite Runde gehen. Sind Sie erneut für das Buch verpflichtet? Welche Details können Sie schon verraten?

Ja, Andreas Pflüger und ich sitzen schon an einem neuen Buch. Und wir stellen fest, dass es eine ziemliche Herausforderung ist, den Weimarer Wahnsinn, den wir im ersten Film losgetreten haben, zu toppen. Aber wir haben da so eine Idee, die in die richtige Richtung geht. Ich verrate nur so viel: Es gibt einen Toten und der Mörder war’s!

Ein Traum von Ihnen wäre, einen Münchner Tatort zu schreiben. Hat Sie die Tatort-Erfahrung Ihrem Traum ein Stück näher gebracht? Und wie würde ein München-Tatort aus der Feder von Murmel Clausen aussehen?

Das ist richtig. Und ich habe im letzten Jahr viel über den Tatort gelernt. Von Andreas, aber auch von unserem Redakteur Sven Döbler. Das altehrwürdige Team Batić/Leitmayr ist nach inzwischen fünfundsechzig Folgen ja auch ziemlich auserzählt, in ein paar Jahren erreichen die Kommissare das Rentenalter, bis dahin müsste ich mich eh gedulden. Sollte ich dann mein Konzept einreichen dürfen, hätten die Kommissare zwar auch Humor – der Krimi und das Drama müssen in München aber die tragenden Elemente bleiben. Skurril und witzig ist für mich in einem Großstadttatort nur schwer vorstellbar. Der Weißwurstkönig wird hier sicher nicht entführt – der wird vor dem Mittagsläuten ins kochende Wasser geschmissen, von der Herdplatte genommen und ist nach fünf Minuten gar. Kleiner Spaß. Der braucht natürlich zwölf Minuten.