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Nüchtern trotz Zelt

Statt in ein ordentliches Hotel zu gehen, habe ich zwei Wochen in einem Glampingzelt gebucht. Die besondere Herausforderung für den Urlaub bestand darin, nüchtern zu bleiben. Zwei inkompatible Schnapsideen.

August 2018. Die Sonne hat sich vorgenommen, der AfD ans Bein zu pinkeln und Europa zusammenzuschweißen. Mit all ihrer Kraft versengt sie deutsche Kleingärten, französische Weinreben und englische Haut. Es ist der Sommer unseres Missvergnügens – denn wir haben beschlossen, ihn in einem Glampingzelt auf der Insel Elba zu verbringen. Nach den verstörten Reaktionen auf meinen jwd-Artikel “Saufen trotz Kind” (“Assoziales Alkoholickerpack … Brief anz Jugendamt ist raus!” Dirk W. aus H.) wollen meine Frau Caren und ich zusätzlich beweisen, dass wir fähig sind, auch ohne Alkohol Ferienspaß zu haben.

Enki Blonde. So geht Bier

Denkste. Ich habe mir gleich am ersten Tag drei Bier hinter die Binde kippen müssen, um in unserer schamanischen Schwitzhütte überhaupt ein Auge zuzubekommen. Die sogenannte Luxusvariante des Campens findet nämlich in einem Zelt aus solidem PVC statt, in dem sich die Hitze staut wie Autos in Sterzing. Es ist so heiß, dass selbst das Tippen dieses Artikels zur schweißtreibenden Arbeit wird. Und das Bier, Enki Blonde,schmeckt so unverschämt gut, dass ich schon jetzt sehe, wie sich unsere guten Vorsätze in Methanol auflösen. Es ist jedoch nicht unsere Art, gleich die Flinte ins Korn und sechs Flaschen Wein in den Einkaufskorb zu werfen. Noch liegen 13 Tage vor uns. Wir packen das. Trotz des verhassten Plastikzelts.

Das Elend der Anderen

Es ist allerdings nicht nur unser ökologisch höchstbedenklicher Brutkasten, der den Urlaub so ungenießbar macht – wir befinden uns dazu unter Wesen, die jedes Jahr ihre Würde im Keller einlagern, das Zelt rausholen und auf einen Campingplatz im Süden fahren. Allein die gebückte Haltung, in der diese Stoffhöhlenmenschen zu ihrem Schlafplätzen kriechen, legt nahe, dass sie ihren Urlaub im Unerfüllten verbringen. Sie huschen mit ihrem Geschirr zur Wasserstelle, hängen ihre Vorräte an Äste und sitzen abends im Kreis um ihre Mückenkerzen. Vermutlich finden sich auch naive Kohlezeichnungen ihrer Aktivitäten (Beachtennis und die große Mückenjagd) an den Innenwänden der Polyestergrotten. Alles um sie herum ist praktisch und faltbar. Im Herzen dürfte ihnen bewusst sein, dass man so einen Urlaub eigentlich auch knicken kann.

Nichtsdestotrotz beäugen diese Primitiven uns mit einer gewissen Verachtung. Wir gehören nicht zu ihnen, da wir offensichtlich nicht ohne einen gewissen Mindeststandard zurechtkommen. Schweigend werfen sie uns vor, dass wir besser und teurer wohnen als sie. Ihre Blicke können uns jedoch nichts anhaben. Wir ernten sie in der gesamten Republik, denn wir haben ein Münchner Kennzeichen. Zudem haust eine weitere Spezies auf dem Gelände, die in den Augen der Wigwamwichtel noch unter uns angesiedelt ist: die Bungalowdeppen. Hier herrscht Einigkeit zwischen uns und der Outdoor-Hautevolee: Wer auf einen Campingplatz fährt, um in einem Haus zu nächtigen, hat den Schuss nicht gehört und die Kugel im Kleinhirn.

Ein ganz anderes Volk sind die Caravaner, die jeden Morgen den Teppich vor ihrem Wohnmobil kehren, mit dem Handstaubsauger die Krümel vom Tisch entfernen und vorrangig damit beschäftigt sind, in ihrer mobilen Urlaubsimmobilie für Ordnung zu sorgen. Keiner weiß, was hinter den Türen dieser Fahrzeuge vor sich geht. Ob sie nicht seit 14 Jahren Kinder im Deichselkasten eingesperrt haben. Ob der Westphalia-Schriftzug und die Bremskeile auf planem Untergrund nicht ein Code für wilde Swingerparties sind. Oder ob sie vor dem Einschlafen die Sünden des Tages Revue passieren lassen und sich dann betend mit einer Geißel ins Land der Träume peitschen. Wir werden es nie erfahren.

Auf dem Holzweg ins Verderben

Ein Traum aus PVC

Doch zurück zu unserem Alkoholproblem. Genauer gesagt, zu dem Problem, darauf verzichten wollen zu müssen (“Abonnemon wurde fristlos gekündigt!” Frau H. aus B.) . Wir schreiben Tag drei, die Meteorologen 32 Grad, gefühlt 41. Das ist die Temperatur, bei der wir zuhause unsere Wäsche waschen. Es würde theoretisch reichen, sich mit Waschmittel einzureiben und den Schweiß die restliche Arbeit erledigen zu lassen, um ständig in sauberen Klamotten unterwegs zu sein. Wer es Caren und mir krumm nimmt, unsere Kerntemperatur mit eiskaltem Gerstensaft herunterfahren, ist ein Unmensch. Das Ethanol verdampft so oder so in kürzester Zeit, wenn man sein Glas nicht auf ex trinkt. Ein Blick auf meine Wetterapp verheißt allerdings Gutes: Kommenden Dienstag soll es nur 27 Grad kühl werden und eventuell kurz regnen. Spontan beschließen wir, unsere Trockenperiode auf die letzten sechs Urlaubstage zu verlegen. Darauf eine Weinschorle! Wir haben 139 Stunden Zeit, uns die selbstgewählte Misere schön zu trinken und vielleicht den ein oder anderen akzeptablen Aspekt an den Ferien in Vinyl zu finden. Die Suche nach dem Richtigen im Falschen. Adorno dreht sich in seinem Schlafsack um.

Da wäre zum Beispiel das Dilemma mit der Toilette, die sich idiotischerweise im Zelt befindet. Wer sich aufs Porzellan schwingt, wird entsprechend von Passanten gehört – unser Plastepalast steht direkt am Weg zum Strand – und von Mitbewohnern zusätzlich olfaktorisch wahrgenommen. Selbst Elefanten verlassen zum Kacken ihr Revier. Doch woher sollen die Italiener das wissen? Seit Hannibal ziehen nur noch wenige Dickhäuter durchs Land. Allen anderen auf dem Gelände geht es zum Glück nicht besser: Ihnen stehen acht kleine Badezimmer zu Verfügung, in denen 24/7 Därme und Blasen entleert, Bikinizonen getrimmt und Genitalien gewaschen werden. Gegen Mittag verwandeln sich die Kammern in vollverkeimte Dampfbäder, und ich warte nur darauf, dass eine Rettungsmannschaft in ABC-Schutzanzügen anrückt, um die Leute aus den toxischen Nasszellen zu retten.

Planschen im eigenen Schweiß

Inzwischen sind fünf Tage vergangen. Wir waren mehrmals am überfüllten Strand von Lacona und haben vergeblich versucht, uns in der brühwarmen Suppe zu erfrischen. Ein Ausflug in das als malerisch verschrieene Bergdorf Capoliveri (Italienisch für “keine Parkmöglichkeit”) verläuft sehr ernüchternd: Man ist perfekt auf die Abfertigung von Touritrotteln wie uns vorbereitet. In jedem Haus wird schnöder Tand verkauft, lediglich ein kleiner Laden mit tibetischem Schmuck fällt positiv auf. Ich bin mir sicher, dass er von den restlichen Shops, die ihre Produkte vorrangig aus China beziehen (Luftmatratzen, Kack und Kuchen), gewaltsam unterdrückt wird.

Die Fahrten nach Porto Azzurro und Portoferraio bei schnuckeligen 34 Grad enden im eigenen Saft vor der Klimaanlage des Autos mit der Aussicht, eine weitere Nacht im PVC-Schnellkocher verbringen zu müssen. So langsam schwant mir, dass der gesamte Urlaub eventuell gar nicht so schlimm wäre, wenn unsere Eltern den Planeten nicht mit Vollgas in die Klimakatastrophe gesteuert hätten. Der Status quo bleibt jedoch ein klares “Nie wieder”.

Der einzige Vorteil, den unsere unverwüstliche Hütte mit sich bringt, sind die äußerst intensiven Träume. Vermutlich löst sich die Hülle durch die ständige Sonnenbestrahlung auf und versorgt uns mit psychedelischen Dioxinen. Schon werden die ersten aufschreien, wie wir das unserem Kind antun können (“Kinderkriegen sollte Litsenzpflicht haben!” Wolfgang W. aus K.). Charlotte schläft allerdings so gut, dass ich inzwischen erwäge, ihr Kinderzimmer daheim mit PVC auszukleiden. Aber selbst wenn ich die Betreiber auf die Nebenwirkungen unseres Horrortrip-Tipis hinweisen würde – sobald ich von meinen nächtlichen Visionen erzähle, in denen Zelte in Flammen stehen und die Glippers, die Luxusvariante der Flippers, Solang in uns ein Feuer brenntsingen, werden sie eher mich als den psychoaktiven Tempel den Behörden übergeben.

Glamping – so unsinnig wie Pfirsich Elba

Auch bei Regen nicht zu ertragen

Tag sieben. Ich suche im Netz ein Hotel in der Toskana für den Zwischenstopp auf der Heimreise. Zwei Stunden lang betrachte ich Unterkünfte, die für normale Menschen gebaut wurden. Alles, was für mich vor einer Woche noch Standard war, wirkt wie aus einer anderen Welt. Solide Wände. Glasfenster. Türen ohne Reißverschluss. Und ich erwische mich, kurz zu hoffen, unsere Plastikbeduinenherberge den Steingebäuden vorzuziehen. Lächerlich. Von nun an werden die Stunden bis zu unserer Ankunft im Chiesa Ignano 1778 gezählt, einer ehemaligen Kirche, die zum Hotel umfunktioniert wurde und seitdem wieder Besucher hat.

Mein Zwischenfazit steht fest: Elba im August sollte sich jeder sparen. Allein die 150 Euro für die Überfahrt reichen schon für eine Nacht in einem anständigen Hotel. Die Strände sind hoffnungslos überfüllt, das Meer pisswarm, die Preise unvernünftig. Für zwei Liegen mit Schirm werden bis zu 55 Euro aufgerufen. Pro Tag. Aber nicht mit uns – wir haben schließlich als gute Glamper Lightweight Foldable Outdoor Adventure Chairsdabei und in dem kleinen Shop am Strand einen horrend überteuerten Sonnenschirm erstanden. Allen, die dennoch unbedingt auf die Insel wollen, die schon Napoleon Bonaparte kacke fand, darf ich dringend davon abraten, denselben Fehler wie wir zu machen. Glamping ist nicht Fisch, nicht Fleisch, die Synthetiknahrung aus der Petrischale unter den Urlaubsangeboten. Wenn das die Luxusvariante des normalen Campens darstellen soll, ist eine Wurzelbehandlung mitBetäubung die Luxusvariante des Zahnarztbesuchs. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man so Nichtcamper ans Zelten heranführen will. Ebenso kann man sich auf einen Prostatacheck bei Dr. Dickfinger vorbereiten, indem man sich einen Schuhspanner in den Po steckt.

Bleibt die Frage, ob es uns gelingen wird, den angesagten Regentag trocken zu verbringen (“Konnte nicht über diesen Schunnt lachen.” Robert K. aus D.). Ich kann es mir kaum vorstellen, denn seit gestern Abend weht eine streng nach Fäkalien duftende Brise über den Campingplatz. Und wir haben uns auch so schon gebessert: Die Negroniexzesse gehören der Vergangenheit an. Aus uns sind ganz gemütliche Niedrigprozentpichler geworden. Low alcstatt low carb.

Ein Käfig für die Narren

Der Regen setzt heftiger ein als erwartet und verwandelt das Gelände um uns in ein Matschparadies. Wir hören Janis Joplin, Jimmy Hendrix und The Who, um ein gewisses Woodstock-Feeling herzustellen. Vergebens. Die Luftfeuchtigkeit erstickt jeden Hauch von guter Stimmung im Keim. Zum Glück steht noch eine Flasche Enki Blonde im Kühlschrank. Scheiß drauf. Wir haben uns auf einen Urlaub in der Hölle eingelassen, da dürfen wir uns auch wie Teufel benehmen. Statt die Insel wie der französische Exilemperator vorzeitig zu verlassen, flüchten wir uns ins angenehme Angesäuseltsein. Wie man das trotz Kind hinbekommt, haben wir schließlich nicht umsonst perfektioniert. Möge die jwd-Redaktion mit Zuschriften bombardiert werden wie wir mit Moskitos, schlecht gelaunten Kellern und absurden Preisen für minderwertige Waren.

Mit dieser Entscheidung wandelt sich alles: Es ziehen sehr nette Leute in das Bungalow nebenan ein, und die Temperaturen finden einen einen Wert, auf den unsere Körper nicht mit Fatigue, Durst und Schweiß reagieren. Völlig überraschend wird dann auch noch unser Abstecher nach Marciana Marina zu einem kleinen Jahreshighlight – der Ort ist furchtbar schön und das Essen eine Wonne. Irgendwie versucht die zweite Woche all die negativen Erfahrungen ihrer Vorgängerin in Vergessenheit drängen zu wollen. Womöglich muss ich mein Urteil über die Insel doch noch revidieren. Ja, ich möchte schon fast nicht mehr definitiv ausschließen, dass man eventuell über Pfingsten mitunter traumhafte Tage hier verbringen kann.

Da erwischt mich Montecristos Rache.

Immer im Blickfeld: Montecristo

Zunächst trete ich unglücklich auf einen spitzen Stein und reiße mir eine Wunde in den Fuß. Nicht wild, aber am Strand im Sand eher nervig. Am Abend esse ich ein Steak und wache um drei Uhr morgens mit üblen Krämpfen im Körper auf. Das Tier in mir will raus. Den Rest der Nacht verbringe ich in einer der Porzellanzellen, den folgenden Tag im Bett, während draußen die Sonne ihre Mission “Must destroy mankind” fortsetzt. Der kurze Abstecher in den Bereich der Erträglichkeit war schlichtweg eine Laune der Natur, deren Nachhaltigkeit der solaren Feuerprobe nicht standhält. Alles um uns herum droht wieder zu verglühen, während ich im Plastikmantel backe. Der Bauch schmerzt, die Wunde eitert und aus Spaß am Leid wächst mir auch noch ein ordentlicher Herpes an der Lippe. Ich fühle mich endgültig bestätigt: Elba ist eine No-go-area und Glamping mein rekreatives Waterloo. Da tröstet nicht einmal, dass ich tatsächlich ganze 41 Stunden keinen Tropfen Alkohol zu mir nehme. Ach, doch. Es waren exakt dreimal 15 einer widerlichen Kräutertinktur, um den Magen zu kurieren. Fuck!

Als ich die nie ganz ausgepackten Koffer am Morgen unserer Abreise ins Auto wuchte, blicke ich noch einmal zu unserem Zelt und habe schlagartig die Erkenntnis, dass wir auf einen billigen Marketingtrick hereingefallen sind. Man macht aus Scheiße kein Gold, indem man den ersten Laut mit “Gl” ersetzt. Man verkauft dann Gleiße, egal wie oft das Wort Luxus auf der Homepage prangt. Doch solange es Volltrottel wie uns gibt, kommen die Bauernfänger damit durch. Wir sind diejenigen, die für Tom Saywer den Zaun gestrichen hätten. Uns kann man ein X für ein U vormachen, die Feldherrenfantasien eines Kunstfälschers für Hitlers Tagebücher und einen unverwüstlichen Müllsack als glamouröse Zeltalternative.

Als ich das Caren und Charlotte erzähle, schämen wir uns so sehr, dass wir noch auf der Fähre nach Piombino einen Zeltplatz bei Arcachon für den August 2019 reservieren. Ehe wir uns abzocken lassen, spielen wir lieber mit und werden zu echten Campern.

Ich hasse mich dafür jetzt schon.

(erschienen in jwd No 6, September 2018)

Cinque Negroni – Saufen trotz Kind

Wenn man um 4:40 Uhr in München losfährt, kann man entspannt um 13:00 Uhr in Monterosso al Mare sitzen und seinen ersten Negroni bestellen. Und das nicht nur als kinderloses Powercouple aus irgendeiner nutzlosen Beraterfirma, sondern auch mit meckerndem Nachwuchs im Gepäck.

Der fünfte Negroni war derjenige, den ich heute bereue. Er hat über Nacht mein Gehirn aufquellen lassen. Jetzt stemmt es sich mit all seiner Kraft gegen die Schädeldecke und droht, sie aufplatzen zu lassen wie eine vergärte Melone. Schuld daran ist natürlich Charlotte. Sie kennt meine Grenzen besser als ich, weiß, wann ich Schluss machen sollte, um am nächsten Tag noch funktionstüchtig zu sein. Gestern war ihr allerdings das sinnlose Herumrennen auf dem Spielplatz wichtiger als das Wohlbefinden ihres Vaters. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit ihr Weihnachtsbudget zerschießt (seit mich eine Mutti im Waldkindergarten angejesperjuult hat, dass man Kindern nicht droht, überrasche ich mit massiv enttäuschenden Festtagen). Da ich mir für diesen Urlaub idiotischerweise vorgenommen habe, auf Schmerzmittel zu verzichten, Stichwort Flush-Reaktion, und es erst in zwei Stunden Frühstück gibt (negronische Bettflucht), setze ich mich unter den Olivenbaum auf unsere Terrasse und blicke über die Dächer von Monterosso aufs Meer. Mein Mund ist trocken, der Magen flau, das Sichtfeld verschwommen. In den vergangenen sieben Tagen habe ich um die zwanzig Negroni getrunken, zehn Spritz und ein paar Gläser Wein. Das klingt für die meisten nach einem entspannten Frühschoppen am Ballermann. In der Kategorie Familienurlaub ist das allerdings ein solides Ergebnis.

Grundsätzlich trinken meine Frau Caren und ich gerne. Trotz Kind. Allerdings schießen wir uns nie so ab, dass wir uns vor Charlie schämen müssten. Sie bekommt nur mit, dass wir albern werden. Und spendabel. Was sie schonungslos ausnutzt. Ihr ist dann plötzlich kalt, und da wärmende Kleidung 300 Stufen entfernt im Hotelzimmer liegt, bekommt sie eben die ersehnte kleine Handtasche für 40 Euro aus dem kleinen Laden um die Ecke. Dafür können wir noch eine Runde bestellen. Sie fetzt zum Spielplatz und … Moment. Handtasche? Jetzt merk ich’s auch.

Wichtig ist, das Kind früh an alkoholisierte Eltern zu gewöhnen

Ein vollwertiges Abendessen

Das erste Mal waren wir vor sechs Jahren im Hotel Villa Steno in Monterosso al Mare. Charlie war eineinhalb, unser Alkoholkonsum sehr moderat. Bis wir an der Enoteca Da Eliseo vorbeikamen, einer kleinen Weinbar im Zentrum des alten Teils der Stadt. Man sitzt unter weißen Schirmen auf wackeligen Stühlen zwischen Weinfässern und bekommt zu jedem Getränk Erdnüsse, Kapern und Oliven gereicht. Wer genug trinkt, wird also auch satt. Mir war mehr nach Aperitif denn nach Wein, eine verheerende Entscheidung. Nicht, dass man Schlechtes über die Weine der Region Cinque Terre sagen könnte, Caren zwitschert sich fast ausschließlich durch die Palette. Aber der Negroni, den Eliseo hier serviert, ist ganz einfach der beste der Welt.

Hysterischer Aufschrei der Mixology-Nerds, die sich ganz nervös fragen, welcher Wermut oder Gin denn dort verwendet, wie lange der Drink mit Eiswürfeln gerührt und wann genau die Orangenzeste dazugegeben wird. Euch ein beherztes: Fuck off. Scheißegal. Entscheidend ist allein, wo man trinkt. Der Negroni gehört nach Italien, woanders schmeckt er immer und ausschließlich nach Reizdarm-Medizin. Das ist keine Meinung, sondern Fakt. Ich schweife ab.

Nach unseren ersten Drinks in der Enoteca war Caren und mir klar, dass wir uns intensiv mit der Frage auseinandersetzen mussten, wie man Alkoholkonsum und Familienurlaub unter einen Sonnenhut bringt. Ein Promillchen später hatten wir die einzig wichtige Regel destilliert: Man muss genau da aufhören, wo der Rausch einzusetzen droht. Nur so ist man jederzeit bereit, das Kind unendlich viele Stufen hochzutragen, ohne Gefahr zu laufen, es fallen zu lassen oder zu stolpern. Außerdem ist so gewährleistet, dass man noch nuschelfrei mit Eltern anderer Kinder auf dem Spielplatz kommunizieren kann und auf Ausnahmesituationen (Mücke im Zimmer, Kind leckt an Steckdose, Trump dropped the bomb) nicht wie ein Komapatient reagiert.

Je älter das Kind, desto beständiger der Pegel

Wer also zwischen Hui und Pfui vom Gas gehen kann, wird erfolgreich angetrunken sieben stressfreie Tage in der Gegend verbringen, die Lord Byron »das Paradies auf Erden« nannte. (Da man in Printmagazinen nicht googeln kann: Dichter der englischen Spätromantik, Brieffreund Goethes und Namensgeber einer etwa 20 km entfernten Grotte.) Damals zogen zwar keine Heerscharen amerikanischer Tagestouristen durch die Orte, doch selbst die lassen sich erstaunlich gut ertragen, wenn man stets zum richtigen Getränkt greift. Spätestens um acht Uhr legt sich der Trubel in den Gassen. Die Lokale sind dann gut besetzt, überall riecht es nach Fisch, Pesto und Gegrilltem. Irgendwo kämpfen zwei Katzen.

In diesem Jahr liegt Pfingsten im Mai und ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet sorgt anfangs für laue Temperaturen. Der Vorteil ist, dass die Getränke nicht so schnell warm werden. Der Nachteil, dass man seinen Kater nicht entspannt am Strand auskurieren kann. Stattdessen steht am ersten Tag Wandern auf dem Programm. Von Monterosso geht es entlang der Küste in den Nachbarort Vernazza. Für die, laut Apple Health, 5,5 Kilometer und 61 Stockwerke braucht man mit Kind rund zweieinhalb Stunden und drei Bier oder zwei Weinschorlen. Das Kind motiviert man zunächst mit unlauteren Mitteln („Ich glaube, es gibt in Vernazza ein Spielzeuggeschäft.“), später mit der Ausweglosigkeit der Situation („Umdrehen würde länger dauern.“). Das eigentliche Ziel ist jedoch der Lemon Spritz in der Ananasso Bar direkt am kleinen Hafen. Kleiner Scherz. Lemon Spritz ist das einzige Getränk, vor dem ich ausdrücklich warne. Hauptbestandteil ist Limoncello. Das ist Italienisch für „in Alkohol aufgelöste Urinaldrops“. Nur wer keine Arme mehr hat, aber unbedingt Bulimiker werden will, sollte dieses Gesöff bestellen. Wir kippen uns selbstverständlich den klassischen Aperol Spritz hinter die Binde. Den ersten gegen den Durst, den zweiten aus Schierschandudel. Für die Fahrt zurück nach Monterosso ziehen wir dann die Bahn dem Boot vor, da die hoffnungslos überfüllten Kutter dazu neigen, auf Wellengang mit starkem Schwanken zu reagieren. Das kann in Ausnahmefällen hässlich enden und wird von den italienischen Leichtmatrosen nicht gern gesehen („Madonna mia! Va fanculo!“).

How to Monterosso like a king

Nr. 3

Bei dem sonst fast ausschließlich herrschenden Traumwetter leisten wir uns Liegestühle und Schirm am Bagno Eden im neueren Ortsteil Fegina. In der dazugehörigen Bar bekommt man die geeigneten Getränke, um den Tag über den Alkoholhaushalt in Ordnung zu halten. Gegen Mittag geht es zu Il Bocconcino, einer fantastischen Fischfrittiererei direkt am Bahnhof. Das Öl hält Magen und Darm geschmeidig, das Eiweiß ist sicher auch irgendwie nützlich. Sollte jedoch akuter Weindurst einsetzen, nehmen wir einfach im Schatten der Olivenbäume im Ristorante Lapo‘s Platz. Die Trofie al pesto Genovese (Wurmnudeln in Basilikumbatz) sind ebenso ölig wie die Calamari aus der Fritöse, der Effekt also derselbe. Den Rest des Tages halten wir uns mit regelmäßigen Badegängen wach – das Kind ist so oder so fast ausschließlich im Wasser. Der Weg zurück in die Villa Steno führt unweigerlich an der Enoteca vorbei, wo Eliseos Frau Maria schon winkt und Charlie mit Küsschen (24.000 baci) begrüßt. Wer kann da schon weiterlaufen, ohne einen Negroni zu bestellen? Zumal die Tochter hungrig ist, und Kapern als Aperitif der Alkoholfreien gelten. Ratsam ist hier nur, Amerikaner („I love Cinque Terre!“) mit einem entschiedenen „No English.“ abzuschalten, da sie alle dieselbe Geschichte erzählen: Sie waren bereits in Florenz („Amazing!“) oder Pisa („Loved it!“), fahren morgen nach Siena („Supposed to be gorgeous.“) und fliegen Montag zurück in die Staaten („So sad!“). Who gives a fuck?

So vergehen die Tage im Rausch. Selbstverständlich kann es zu Situationen kommen, die man nüchtern nicht erlebt hätte. Wie vorgestern, als wir erst im Hotelzimmer bemerkten, dass wir Charlie auf dem Spielplatz vergessen haben, und ich tatsächlich für eine Sekunde dachte, dass sie den Weg zum Hotel schon alleine finden würde. Kann vorkommen. Ego me absolvo. Alles in allem sind die Tage hier unfassbar erholsam und ein Egoboost für die Leber. Heute genießen wir das letzte Mal das sensationelle Frühstück, das Carla und Matteo Pasini jeden Morgen auffahren. Später geht es an den Strand, wo wir unseren graduellen Alkoholentzug einläuten. Der Pegel sollte auf keinen Fall abrupt runtergefahren werden. Ein Glas Wein zum Mittagessen, abends der letzte Negroni. Wenn der Körper hält, was ich mir von ihm verspreche, gurke ich morgen um fünf absolut nüchtern die Serpentinen zur Autostrada hoch. Ich werde mit Wehmut an den Wermut denken, das Cin cin zum Gin vermissen und bis zum Brenner ein Wort suchen, das phonetisch Campari schmeichelt. Jetzt werfe ich mir erstmal eine Handvoll Paracetamol zum Wohl ein. Scheiß auf die guten Vorsätze. Im Sommer geht es schließlich zum alkoholfreien Glamping nach Elba.

(erschienen in jwd No 4, Juli 2018)